Interpharma zwischen
Ökonomie und Gesundheit

Eine systemtheoretische Analyse
(Luhmann)

Fairfond • 2026

Kernfrage

Ist Interpharma ein Akteur des Gesundheitssystems
(Code: gesund / krank)

oder des ökonomischen Systems
(Code: Zahlung / Nicht-Zahlung)?

Luhmann: Funktionale Differenzierung

Moderne Gesellschaften sind in funktional spezialisierte Systeme ausdifferenziert:

Systemische Positionierung von Interpharma

Code
gesund / krank
Ärztliche Indikation
Leitlinien, EBM
Diagnostik, Therapie
Patientenoutcomes

Gesundheitssystem

Code
Zahlung / Nicht-Zahlung
Preise, Margen
F&E-Investitionen
Marktanteile
Rentabilität

Ökonomisches System

Interpharma
Industrieverband – Strukturell im Wirtschaftssystem verankert
Lobbying, Public Affairs, Value-Based Pricing, Pay-for-Performance, QALY, Standortpolitik

Doppeladressierung von Interpharma

→ Gesundheitssemantik (nach außen)

„Patientennutzen"
„Versorgungssicherheit"
„Innovation für die Zukunft"
„Zugang zu Therapien"

← Ökonomischer Code (nach innen)

Rendite auf F&E
Stabile Preise
Marktanteile
Erstattungssicherheit

Interpharma legitimiert ökonomische Interessen durch Gesundheitssemantik

QALY und Value-Based Pricing

Formale Behauptung: Verbindung von klinischem Outcome und Kosten

Systemtheoretisch: Übersetzung des Codes gesund/krank in eine bewertbare ökonomische Größe (Value/QALY)

Problem:

PCG-Wirtschaftlichkeitsverfahren: Schweigen als Strategie

Was passiert:

PCG-basierte Regressverfahren gegen Ärzte schaden Leistungserbringern und Patienten. Das Bundesgericht hat PCGs als Screening-Instrument mit Einzelfallprüfung definiert – nicht als automatische Regressgrundlage.

Interpharmas Position:

Interpharma bleibt stumm. Das liegt systemtheoretisch vor der Hand: PCG-Verfahren tangieren nicht direkt die Zahlungen an Pharmafirmen, ergo wird kein politisches Kapital investiert.

Schlussfolgerung:

Interpharma solidarisiert sich nicht mit der Ärzteschaft, sondern nur dort, wo Pharmainteressen direkt bedroht sind.

Polypharmazie-Narrativ: Falsch vs. Evidenz

❌ Politisches Narrativ

"Polypharmazie = Überversorgung"
"Weniger Medikamente = besser"
Fördert Regressverfahren gegen Ärzte

✓ Evidenz (BMJ 2006)

Wu et al.: Adhärenz + strukturierte Betreuung → Mortalität ↓ 41%
NNT ≈ 16
"Adäquate" Polypharmazie ist lebensrettend

Interpharmas Rolle:

Keine Intervention zur Korrektur des falschen Narrativs. Systemisch erwartbar: Polypharmazie-Debatten berühren nicht direkt die Zahlungsströme zur Industrie.

Gewichtung der Codes bei Interpharma

🔴 Primärer Leitcode

Zahlung / Nicht-Zahlung (Ökonomie)

Alle strategischen Entscheidungen: Priorisierung politischer Themen, Allianzen, Narrative

🟡 Sekundäre Bezugnahme

gesund / krank (Gesundheit)

Gesundheit als Legitimationsressource – übersetzt in Zahlungsbedingungen (Value-Based Healthcare)

Ergebnis: Interpharma solidarisiert sich mit der Gesundheitsökonomie,
nicht mit dem Gesundheitssystem

Systemische Konsequenzen

Verrat an der Ärzteschaft: Interpharma interveniert nicht, wenn ärztliche Praxis durch fehlerhafte Instrumente (PCG, QALY) diskreditiert wird

Verrat an Patienten: Falsche Narrative (Polypharmazie = schlecht) und diskriminierende Instrumente (QALY) werden nicht öffentlich kritisiert

Erosion der Solidarität: Das Schweizer Gesundheitswesen basiert auf gegenseitigem Vertrauen zwischen Ärzten, Patienten und Versicherungssektor. Interpharmas Selektivität untergräbt diese Grundlage

Systemtheoretisch zu erwarten, aber nicht ethisch zu tolerieren

Was Fairfond von Interpharma fordert

Schlussfolgerung

Interpharma agiert im ökonomischen Funktionssystem.

Es bedient sich der Gesundheitssprache, bleibt aber dem Code
Zahlung/Nicht-Zahlung verpflichtet.

Echte Solidarität mit dem Schweizer Gesundheitswesen
erfordert Positionierung auch gegen Kurzfristinteressen.